Lederhosen und Hakenkreuz Die zwei Gesichter des Andreas Gabalier

Andreas Gabalier gehört zu den erfolgreichsten Musikern Österreichs. Lederhose, Heimat, Berge, traditionelle Werte und Volks-Rock’n’Roll bilden eine Marke, die seit Jahren funktioniert. Gleichzeitig begleitet den Musiker eine ungewöhnlich beständige politische Kontroverse.
Frauenbild, Homosexualität, Genderpolitik, Nationalismus, die österreichische Bundeshymne und schließlich ein Albumcover, in dessen Körperhaltung Kritiker die Konturen eines Hakenkreuzes erkennen: Jeder einzelne dieser Punkte lässt sich unterschiedlich bewerten. Zusammengenommen erklären sie jedoch, weshalb Gabaliers öffentliches Image inzwischen sogar Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden ist.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Andreas Gabalier pauschal als „rechts“ bezeichnet werden kann. Dafür braucht es eine genauere Betrachtung.
„Gender-Wahnsinn“, Manderl und Weiberl
Besonders häufig sorgte Gabalier mit Aussagen zu Geschlechterrollen für Kritik.
2015 erklärte er: „Im Jahr 2015 müssen wir wohl nicht mehr ernsthaft über die Gleichberechtigung der Frau reden.“ Gleichzeitig kritisierte er einen vermeintlichen „Gender-Wahnsinn“. Bei der Verleihung des österreichischen Musikpreises Amadeus sagte er: „Man hat’s nicht leicht auf der Welt, wenn man als Manderl noch auf ein Weiberl steht.“ Schwulenverbände kritisierten die Äußerung. DIE WELT
In einem Interview mit der Welt verteidigte Gabalier sein traditionelles Frauenbild und kritisierte die öffentliche Darstellung von trans Menschen. Seine Kritiker bezeichnete er als „diese ganze wildlinke Abteilung“. Im selben Interview wandte er sich gegen die häufige Darstellung homosexueller Paare in Medien und Werbung. DIE WELT
Diese Aussagen lassen sich als konservativ oder provokativ interpretieren. Sie zeigen aber auch, dass die politischen Kontroversen um Gabalier nicht erst von außen an seine Musik herangetragen wurden. Er selbst äußert sich zu gesellschaftspolitischen Fragen.
Der Streit um Österreichs Töchter
2014 sang Gabalier beim Formel-1-Grand-Prix die österreichische Bundeshymne in ihrer alten Fassung: „Heimat großer Söhne“.
Seit 2012 lautet die offizielle Textfassung „Heimat großer Töchter und Söhne“. Gabalier erklärte anschließend, er habe die Hymne als Kind anders gelernt und sehe keine Veranlassung, seine Version zu ändern. Die Abweichung war damit nach seiner eigenen Darstellung keine versehentliche Textunsicherheit, sondern eine bewusste Entscheidung. Der Standard
Noch Jahre später beschäftigt dieser Konflikt die Öffentlichkeit. Der 2025 erschienene ARD-Podcast „Gabalier: Hinter der Lederhose“ griff die Hymnenkontroverse und weitere Vorwürfe erneut auf. Der Standard
Wenn aus Heimat politische Symbolik wird
Heimatverbundenheit ist weder rechtsextrem noch automatisch politisch problematisch. Berge, Tracht, Landwirtschaft und österreichische Tradition gehören zur Kultur des Landes.
Bei Gabalier beschäftigen sich Wissenschaftler allerdings damit, wie diese Elemente miteinander kombiniert werden.
2019 veröffentlichten die Sprachwissenschaftler Markus Rheindorf und Ruth Wodak im Fachjournal Patterns of Prejudice die Untersuchung „Austria First revisited: a diachronic cross-sectional analysis of the gender and body politics of the extreme right“.
Die Arbeit untersucht ausdrücklich auch Gabalier.
Analysiert werden seine Lieder, Auftritte, Interviews und visuelle Inszenierungen. Die Autoren sehen darin unter anderem einen stark konservativen Heimatbegriff, traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sowie nationalistische Symbolik. Sie stellen diese Elemente in den größeren Zusammenhang extrem rechter Kulturpolitik in Österreich. PubMed Central (PMC)
Das ist eine wissenschaftliche Interpretation und kein Beweis dafür, dass Gabalier Mitglied einer rechtsextremen Bewegung wäre.
Bemerkenswert ist dennoch, dass ein Volksmusiker überhaupt in einer wissenschaftlichen Untersuchung über die Geschlechter- und Körperpolitik der extremen Rechten eine derart zentrale Rolle einnimmt.
Auch seine Liedtexte werden untersucht
Dabei geht es nicht nur um Interviews.
Rheindorf und Wodak untersuchen beispielsweise „Meine Heimat“, „Bergbauernbuam“, „Königin der Alpen“, „Mein Bergkamerad“ und „Mei Großvater hat gesagt“.
In „Königin der Alpen“ bezeichnet sich Gabalier als „Germanenprinz“. In „Mein Bergkamerad“ taucht das „Eiserne Kreuz“ als Bild auf. Andere Lieder verbinden Heimat mit traditionellen Vorstellungen von Mann, Frau, Familie und Herkunft. Die Wissenschaftler interpretieren diese Kombination im Kontext nationalistischer Identitätskonstruktionen. PubMed Central (PMC)
Eine weitere Publikation, Rechte Klangwelten, beschäftigt sich ebenfalls mit Gabalier. Dort werden Nationalismus, Eigen- und Fremdgruppenbildung und Frauenbilder thematisiert. Gleichzeitig stellen die Autoren selbst eine wichtige Abgrenzungsfrage: Sind solche Aussagen bereits rechtspopulistisch oder können sie ebenso Bestandteil eines traditionellen Konservatismus sein? dpt-statisch.s3.eu-central-1.amazonaws.com
Genau diese Differenzierung ist wichtig.
Das Hakenkreuz, das keines sein soll
Die wohl bekannteste Kontroverse betrifft das Cover des 2011 erschienenen Albums „Volks-Rock’n’Roller“.

Gabalier ist darauf mit angewinkelten Armen und Beinen zu sehen. Kritiker erkennen darin die Konturen eines Hakenkreuzes.
Gabalier weist eine entsprechende Absicht zurück.
2025 untersuchte der Bayerische Rundfunk die Entstehung des Fotos erneut und sprach erstmals mit dem Fotografen Michael Mey. Dieser beschrieb die Aufnahme als situativ entstandene „Hampelmann-Nummer“. Ein Beleg dafür, dass bewusst ein Hakenkreuz dargestellt werden sollte, ergibt sich daraus nicht. Bayerischer Rundfunk
Doch die Geschichte bekam eine zweite Ebene. Die rechte Organisation PEGIDA griff ausgerechnet dieses Motiv auf und startete die sogenannte „Gabalier-Kreuz-Challenge“. Anhänger stellten die Pose des Musikers nach. Damit wurde das Motiv unabhängig von Gabaliers ursprünglicher Absicht tatsächlich in einem rechten politischen Kontext verwendet. Bayerischer Rundfunk
Das beweist nichts über Gabaliers eigene Intention. Es zeigt aber, wie anschlussfähig bestimmte Bilder für ein entsprechendes Milieu sein können.
Und heute? Die AfD-Debatte
Auch 2026 ist die politische Diskussion nicht verschwunden.
Nach dem Wahlerfolg der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt äußerte sich Gabalier im September 2026 im Podcast „Message Macht Medien“. Er halte es für falsch, „44 Prozent jener, die da gewählt haben, alle als extrem rechts und Nazis zu verurteilen“. t-online
Für sich genommen ist auch diese Aussage kein Bekenntnis zur AfD. Sie ist zunächst eine Kritik an einer pauschalen Bewertung ihrer Wählerschaft.
Im Kontext der seit Jahren geführten Diskussionen über Gabalier bekommt sie allerdings zwangsläufig zusätzliche Aufmerksamkeit.
Rechts, konservativ oder einfach provokant?
Genau hier liegt das Problem jeder vorschnellen Einordnung.
Ein Hakenkreuz wurde auf einem Albumcover nicht nachweislich beabsichtigt. Heimatliebe macht niemanden zum Rechtsextremisten. Traditionelle Vorstellungen von Familie oder Geschlechterrollen sind ebenfalls kein Beweis für eine rechtsextreme Ideologie. Und die Verteidigung von AfD-Wählern macht jemanden nicht automatisch zum AfD-Anhänger.
Andererseits verschwinden dokumentierte Aussagen nicht dadurch, dass jede für sich eine alternative Erklärung besitzt.
Gabalier hat sich gegen moderne Genderpolitik positioniert. Er hat problematisierte Aussagen über homosexuelle und trans Menschen gemacht. Er hat bewusst die frühere Version der österreichischen Nationalhymne gesungen. Seine Texte transportieren traditionelle Geschlechterbilder und starke Heimat- und Nationalsymbolik. Seine Inszenierung wird wissenschaftlich im Kontext extrem rechter Kulturpolitik untersucht. Und einzelne Elemente seiner öffentlichen Darstellung wurden von rechten Akteuren aufgegriffen. PubMed Central (PMC)
Das alles macht Andreas Gabalier nicht automatisch zu einem Rechtsextremisten.
Es macht aber das Bild des vollkommen unpolitischen Volks-Rock’n’Rollers schwerer aufrechtzuerhalten.
Denn die journalistisch belastbare Frage lautet nicht:
„Ist Andreas Gabalier ein Rechtsextremist?“
Dafür liefern die vorliegenden Quellen keinen hinreichenden Nachweis.
Die präzisere Frage lautet:
Wie unpolitisch ist Andreas Gabalier tatsächlich, wenn sich ähnliche gesellschaftspolitische Kontroversen seit mehr als einem Jahrzehnt durch seine Aussagen, Texte und Inszenierungen ziehen?
Quellen:
Die zentralen Quellen dieser Recherche sind die wissenschaftliche Facharbeit von Rheindorf und Wodak in Patterns of Prejudice, die Publikation Rechte Klangwelten, die Recherchen des Bayerischen Rundfunks zur Entstehung des Albumcovers sowie zeitgenössische Interviews und Berichte über Gabaliers eigene Aussagen.


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